Nachhaltige Mobilität braucht internationale Normen

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© Götz Schleser

Text: Christoph Winterhalter  

Politik, Wirtschaft und Gesellschaft stehen nicht nur infolge internationaler Krisen vor enormen Herausforderungen. Auch der notwendige radikale Wandel bei den Themen Nachhaltigkeit und Digitalisierung fordert uns, neue Wege konsequent zu gehen – besonders in Leitindustrien wie der Automobilwirtschaft. Diese überzeugt nicht nur mit neuen Antriebskonzepten, sie zeigt auch ihre Anpassungsfähigkeit im Kontext eines gewandelten Mobilitätsverständnisses. Und sie geht konsequent den Weg in Richtung Kreislauffähigkeit. Bei all diesen Herausforderungen setzt die Automobilindustrie auf Digitalisierung. Um allerdings zu vermeiden, dass konkurrierende Ökosysteme entstehen, die diese Entwicklung ausbremsen, braucht es internationale Normen.

Der Weg in eine zukunftsweisende Mobilität ist nicht auf das Automobil beschränkt. Der Automobilwirtschaft kommt aber alleine schon wegen ihrer Größe eine zentrale Rolle in diesem Transformationsprozess zu. Hier lässt sich wunderbar aufzeigen, wie sich eine Industrie fit für die Zukunft macht. Eine ganzheitliche Betrachtungsweise aller Wertschöpfungsstufen und ihrer Umweltauswirkungen spiegelt sich in den „Design-for-Sustainability“-Strategien der Automobilindustrie wider und findet in der Debatte zur Weiterentwicklung der Circular Economy ihre Fortsetzung.

Maßnahmen für eine kreislauffähige Automobilwirtschaft

Mit der Zunahme alternativer Antriebstechnologien liegen die größten Umweltauswirkungen der Automobilindustrie nicht mehr in der Nutzungsphase von Fahrzeugen, sondern in den sogenannten Vorketten, also im Rohstoffeinsatz und in den Produktionsabläufen. Die Kreislaufwirtschaft setzt zu Beginn des Lebenszyklus eines Produktes an, also schon während der Designphase. 80 Prozent der Umweltauswirkungen haben hier ihren Ursprung. Vom zirkulären Produktdesign über Materialauswahl, Lieferkettenmanagement, Gestaltung des CO2-Fußabdrucks einzelner Prozessschritte, Zertifikatserstellung bis zum Recycling: All das sind Maßnahmen, die ein zirkuläres Ökosystem Autoindustrie in den Fokus rückt. So war beispielsweise Kreislaufwirtschaft ein Hauptkriterium bei der Entwicklung des BMW i3 und wurde konsequent nach dem damaligen Stand der Technik umgesetzt. Noch heute gilt der i3 als Erfahrungsträger und Benchmark für viele Details.

Die digitale Transformation bietet hier einen riesigen Hebel, der die Einflussfaktoren und Schnittstellen einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft effizient steuern und überprüfen kann. Sie ist also ein „Missing Link“ zur Umsetzung der Kreislaufwirtschaft. Oder anders formuliert: Ein zirkuläres Ökosystem funktioniert nur datenbadatenbasiert. Je verbindlicher und nachvollziehbarer jede einzelne Komponente und jedes eingesetzte Material in einem Fahrzeug typisiert und bis zu ihrem Ursprung nachverfolgt werden kann, umso effizienter lassen sich die Stoffflüsse und Lieferketten optimieren. Dies ebnet den Weg für eine Kreislaufwirtschaft, die auf Reparaturfähigkeit, Recyclingfähigkeit und Wiederverwertung beruht, mit dem Ziel der Ressourcenschonung und Langlebigkeit.

„Ein zirkuläres Ökosystem funktioniert nur datenbasiert.“

Es braucht also eine große Menge an Daten, die bereits heute erfasst und gespeichert werden. Es braucht Informationen über Ressourceneinsatz und Lieferketten, die dann etwa in einem Digitalen Produktpass einheitlich festgehalten sind. Und es braucht Plattformen, die diese Daten für alle Akteure nutzbar machen. Catena-X ist solch eine Plattform. Sie soll künftig als Cloud-Lösung einheitliche Daten- und Informationsflüsse in der automobilen Wertschöpfungskette schaffen. Ziele sind dabei nicht nur die Einhaltung von Klimaschutzvorgaben, sondern auch die Erhöhung der Lieferfähigkeit – das alles unter Gewährleistung größtmöglicher Datensicherheit. Um eine so wichtige Initiative wie Catena-X zu einem Erfolgsmodell zu machen, braucht es international einheitliche Normen und Standards. DIN bietet der Automobilindustrie und dem Catena-X-Konsortium sein Netzwerk und aktive Unterstützung an, um die guten Ideen aus den Catena-X-Aktivitäten in den zuständigen Fachgremien wie etwa bei ISO aufzugreifen und in die internationale Normung einfließen zu lassen. Die Normungsarbeit zu wichtigen Teilaspekten kann dabei durchaus parallel zu den Catena-X-Aktivitäten laufen, um diese nicht auszubremsen, und lässt sich nach abgeschlossener internationaler Harmonisierung wieder integrieren. So lassen sich auch die exponentiell zunehmenden Schnittstellen effektiv bündeln, etwa wenn Recycler in Designprozessen bei Autoherstellern eingebunden werden. DIN bietet den verschiedenen Marktteilnehmern, Zulieferern, Erstausrüstern, Herstellern eine offene, unabhängige Plattform, die sämtliche Stakeholder- Perspektiven einbindet und die Interessen systematisch vernetzt – ganz gleich in welcher Entwicklungs- oder Fertigungsphase.

Vernetzen und beteiligen

Vernetztes Denken lebt davon, dass sich alle beteiligen. Es ist also nicht nur die Aufgabe der Politik, Rahmenbedingungen für eine nach vorne gerichtete Automobilwirtschaft zu schaffen, es ist vor allem die Industrie mit all ihren Akteuren, die hier gefordert ist. Positiver Nebeneffekt: Gemeinsamer Austausch entwickelt und pflegt Vertrauen, auch gegenüber Kunden und Lieferanten. Normung schafft Vertrauen – auch bei der weiteren Implementierung einer Kreislauffähigkeit der gesamten Automobilindustrie als Teil unseres Mobilitätssystems. Damit DIN die einzelnen Interessen in den verschiedenen Gremien orchestrieren kann, braucht es also die Beteiligung aller Stakeholder zur gemeinsamen Zusammenarbeit. Bündeln wir unsere Fähigkeiten! Setzen wir uns einen Tisch! Denken wir die Dinge verstärkt zusammen! Die Zukunft mit einer nachhaltigen Mobilität wird es uns danken.

Christoph Winterhalter

ist Vorstandsvorsitzender von DIN und seit Januar 2022 zusätzlich Vice President Policy der internationalen Normungsorganisation ISO.

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