Christina Reimann ist ganz bewusst auf dem Holzweg – der natürliche Rohstoff prägt ihr Leben: Nach einer Ausbildung zur Schreinerin und einem Studium der Holztechnik arbeitet sie heute als Geschäftsführerin des Zukunft Holz Instituts. Zudem bringt sie die Belange der holzverarbeitenden Industrie in die Normung mit ein.
„Holz, Holz und noch mehr Holz“ fasst Christina Reimann ihre Leidenschaft zusammen. Und tatsächlich zieht sich die Faszination dafür durch ihren kompletten Lebenslauf: „Mich begeistert die enorme Spannbreite dieses nachwachsenden Werkstoffes – vom handwerklichen Einzelstück über standardisierte Bauprodukte bis hin zum mehrgeschossigen Gebäude.“ Als ausgebildete Schreinerin lag ihr Fokus auf der Ästhetik und Hochwertigkeit von Holzmöbeln. Mittlerweile befasst sie sich mit Marktmechanismen, Regulierung und Transformation der Branche.
Das kommt nicht von ungefähr: Ein Studium der Holztechnik, mehrere Jahre in leitender Funktion beim Deutschen Säge- und Holzindustrie Bundesverband e. V. und ein berufsbegleitendes Masterstudium im strategischen Nachhaltigkeitsmanagement haben Christina Reimann unterschiedliche Perspektiven eröffnet. Und sie optimal auf ihre aktuelle Tätigkeit als Geschäftsführerin des 2025 gegründeten Zukunft Holz Instituts (ZHI) vorbereitet.
Auf Holz gebaut: Wirtschaftsfaktor und CO₂-Speicher
Holz spielt hierzulande eine wichtige Rolle: So wird laut der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (FNR) heute etwa jedes fünfte Haus in Deutschland in Holzbauweise errichtet. Ein Kubikmeter Holz bindet eine Tonne CO2 – wird es verantwortungsvoll gewonnen sowie nachhaltig und möglichst lange genutzt, kommt das der Umwelt zugute. Ökonomisch ist der natürliche Rohstoff ebenfalls von Bedeutung: Mit knapp 900.000 Beschäftigten in mehr als 156.000 Unternehmen und rund 174 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2023 ist der Bereich Forst und Holz ein wirtschaftliches Schwergewicht (Daten: Clusterstatistik Forst&Holz 2023, Johann Heinrich von Thünen-Institut).
Das ZHI vertritt als hundertprozentige Tochter des Deutschen Säge- und Holzindustrie Bundesverbands e. V. die Interessen der Branche. Es hat seinen Sitz im „Haus des Holzes“, einer repräsentativen Niederlassung inmitten des Berliner Regierungsviertels – unweit des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. „Unser Institut arbeitet eng mit Industrie, Verbänden und Forschungseinrichtungen zusammen“, erklärt Christina Reimann. „Ziel ist es, Holz als zentralen Baustein für klimafreundliches und modernes Bauen zu verankern. Der Bausektor muss sich grundlegend verändern: weg von einer energie- und ressourcenintensiven Bauweise, hin zu einer emissionsarmen, regenerativen Praxis. Holz kann dazu einen zentralen Beitrag leisten – es ersetzt fossile Baustoffe und speichert CO₂ langfristig in Gebäuden.“
Vielfältige Normungsthemen
Der Normenausschuss Holzwirtschaft und Möbel (NHM) ist die Plattform zur Normung rund um den nachwachsenden Roh- und Werkstoff Holz. Der Sonderausschuss „Querschnittsthemen zur nachhaltigen Ressourcennutzung“ (NA 042 BR-02 SO) entstand als Antwort auf neue gesellschaftliche Herausforderungen, regulatorische Anforderungen und Klimawandel. Er bearbeitet Themen mit Bezug zur nachhaltigen Ressourcennutzung, die über die Normungsthemen in den Arbeitsausschüssen hinausgehen – etwa die Kreislauffähigkeit von Produkten, Ressourceneffizienz, Kohlenstoffbilanzierung sowie ökologische Nachhaltigkeit.
„Holz hat eine Ästhetik, eine Haptik, einen Geruch – das klingt zunächst banal. Doch die Akzeptanz von Bauweisen entsteht auch über Emotionen.“
Christina Reimann, Geschäftsführerin Zukunft Holz Institut – Forschung, Normung & Innovation im Holzbau
„Holz hat eine Ästhetik, eine Haptik, einen Geruch – das klingt zunächst banal. Doch die Akzeptanz von Bauweisen entsteht auch über Emotionen.“
Christina Reimann, Geschäftsführerin Zukunft Holz Institut – Forschung, Normung & Innovation im Holzbau
„Holz hat eine Ästhetik, eine Haptik, einen Geruch – das klingt zunächst banal. Doch die Akzeptanz von Bauweisen entsteht auch über Emotionen.“
Christina Reimann, Geschäftsführerin Zukunft Holz Institut – Forschung, Normung & Innovation im Holzbau
Von Dachlatten zum Baurecht
Damit das gelingt, engagiert sich das ZHI aktiv in der Normung – mit dem Ziel, technische Standards in der Holzindustrie mitzugestalten und zugleich Rechts- und Produktsicherheit für Unternehmen, Anwender*innen und Verbraucher*innen zu schaffen. ZHI-Geschäftsführerin Christina Reimann ist selbst in der Normung aktiv: als Obfrau zweier nationaler Ausschüsse, darunter des Sonderausschusses „Querschnittsthemen zur nachhaltigen Ressourcennutzung“ des DIN-Normenausschusses Holzwirtschaft und Möbel (NHM). Zudem engagiert sie sich in mehr als 20 nationalen und internationalen Normungsgremien.
Ihr persönlicher Weg in Richtung Standardisierung hatte einen konkreten Anlass: „In meiner Abschlussarbeit ging es um tragende Dachlatten, ein scheinbar simples Produkt. Dahinter stand jedoch eine grundsätzliche Frage: Was ist eigentlich ein Bauprodukt? Damals war die EU-Bauproduktenverordnung noch relativ neu, und mich hat dieses Zusammenspiel aus europäischem Bauprodukterecht, nationalem Baurecht und Normung sofort inhaltlich gepackt.“ In der Normung bewegt sie sich mitunter in einem Spannungsfeld aus unterschiedlichen Interessen – und versteht sich deshalb auch als Übersetzerin zwischen Technik, Standardisierung, Regulierung und industrieller Praxis.
Ein Drittel der Gesamtfläche Deutschlands ist bewaldet: Auf den rund 11,5 Millionen Hektar finden sich vor allem Kiefern, Fichten, Buchen und Eichen sowie 47 weitere Baumarten und Baumartengruppen.
Alles wird verwertet
Für die Expertin sind Normen und Standards wichtige Werkzeuge, die eine gemeinsame Sprache schaffen: „Politik formuliert Ziele, Märkte verlangen Nachweise, die Industrie braucht wiederum umsetzbare technische Anforderungen – Normung bringt all das zusammen.“ Das spiele derzeit insbesondere bei den Themen Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft eine wichtige Rolle. Laut Reimann gewinnen diese Aspekte in den Normenausschüssen Holzwirtschaft und Möbel (NHM) und Bauwesen (NABau) neben klassischen Produktnormen massiv an Bedeutung. Das decke sich mit den Erfahrungen vor Ort: „In den holzverarbeitenden Betrieben ist Nachhaltigkeit längst gelebte Praxis, insbesondere bei KMUs und in regionalen Wertschöpfungsketten“, sagt Reimann. „Denn in der Holzindustrie fällt faktisch kein Abfall an, alle Teile des Stamms werden stofflich oder energetisch genutzt. Neu ist also weniger der Nachhaltigkeitsgedanke, stattdessen dreht sich mittlerweile viel um formale Nachweispflichten.“
Normung Holzwirtschaft im Netzwerk: Wirtschaft, Wissenschaft, Standards
Die Transformation zu ressourcenschonenderem Bauen erfordert laut Reimann eine effiziente Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Normungsorganisationen: „Normung ist der Ort, an dem technisches Wissen, wissenschaftliche Erkenntnisse und marktfähige Regeln aufeinandertreffen. Dazu braucht es engagierte Fachleute, denn technische Anforderungen mit regulatorischer Anschlussfähigkeit zu verbinden, geht nur mit starken Netzwerken.“ Klärungsbedarf gebe es in den Ausschüssen unter anderem auch dazu, wie sich Prozesse und Produkte digital abbilden lassen und wie man Anschluss an die europäische Regulierung findet.
Handwerkliche Arbeit erdet, diese Erfahrung begleitet mich bis heute.“
Christina Reimann, Geschäftsführerin Zukunft Holz Institut – Forschung, Normung & Innovation im Holzbau
Komplexität eindämmen
Ein Normungsprojekt liegt ihr derzeit besonders am Herzen: „Nach jahrelangem Stillstand bei harmonisierten Normen ist endlich der sogenannte Acquis-Prozess der EU-Bauproduktenverordnung für tragende Holzbauprodukte und Holzwerkstoffe angelaufen.“ „Acquis communautaire“ steht dabei für alle geltenden Rechtsvorschriften in der Europäischen Union. In diesem Prozess geht es darum, die bestehenden harmonisierten Normen zu überprüfen und anzupassen. Da sieht Reimann noch Nachbesserungsbedarf: „Wie die neue EU-Bauproduktenverordnung bislang umgesetzt werden soll, ist für kleine und mittlere Unternehmen noch zu komplex. Hier arbeiten wir auch daran, unnötige Regulierung und Nachweisverfahren einzudämmen.“ Um die Komplexität zu reduzieren, setzt sie in der Beratung von Unternehmen aus der Holzindustrie meist auf konkrete Anwendungsfälle wie die Reklassifizierung rückgebauter tragender Vollholzprodukte oder – vor dem Hintergrund des Waldumbaus – die weitere Standardisierung von tragenden Laubholzprodukten. „Das schafft Verständlichkeit, macht Schnittstellen sichtbar und zeigt typische Fallstricke“, ist Reimann überzeugt. Für die Zukunft der Branche hat sie vor allem einen Wunsch: „Normung darf kein verlängerter Arm der Regulierung werden, sondern muss weiter maßgeblich von den Stakeholdern aus Wirtschaft, Gesellschaft, öffentlicher Hand und Wissenschaft praxisnah gestaltet werden. Andernfalls gefährden wir nachhaltige industrielle Wertschöpfung.“



