Frischekur für die Windkraft
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Ende 2020 fallen fast ein Sechstel der bestehenden Windenergieanlagen – in Bayern sogar ein Drittel – aus der 20-jährigen Förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Viele Anlagen erreichen damit in den nächste zehn Jahren das Ende ihres Lebenszyklus. Wie der Rückbau ökologisch sinnvoll bewerkstelligt werden kann, hat sich die Industrievereinigung RDRWind e.V. zur Aufgabe gemacht.

Recherchetermin Ende August 2020. Wirtschaftsminister Peter Altmeier kündigt eine Novelle des EEG an. Windkraft spielt darin naturgemäß eine wichtige Rolle. Und dann der Fakt: Rückbauwelle bei Windkraft. Der Laie staunt und ist irritiert. Martin Westbomke, ehrenamtlicher Vorsitzender von RDRWind (Industrievereinigung für Repowering, Demontage und Recycling von Windenergieanlagen) e.V. klärt auf: „Den Rückbau darf man nicht pauschal verteufeln. Wie jede andere industrielle Anlage hat auch das Windrad eine technisch und wirtschaftlich sinnvolle Amortisationszeit.“ Das Plus: Jede Windkraftanlage hat eine positive CO2-Bilanz. Aber am technischen Fortschritt führt das nicht vorbei. Ersetzt man zehn Anlagen von 2000 heute durch nur fünf moderne Windräder erzeugt man mit der halbierten Anzahl drei Mal mehr Energie.

Etwa 30.000 Windenergieanlagen drehen sich derzeit auf Wiesen und Feldern in ganz Deutschland.

Etwa 30.000 Windenergieanlagen drehen sich derzeit auf Wiesen und Feldern in ganz Deutschland – und jede zweite wird in den kommenden zehn Jahren das Ende ihrer Lebensdauer erreichen, weil sie entweder am Ende ihrer Lebenslaufzeit angekommen sind oder sich der Weiterbetrieb wirtschaftlich nicht mehr lohnt. Bereits zum Jahreswechsel 2020/2021 endet für etwa 5.200 Windenergieanlagen die 20-jährige Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), weitere 8.000 Windenergieanlagen folgen bis Ende 2025. So rechnet auch das Umweltbundesamt (UBA) von 2021 an mit einem verstärkten Abriss der Alt-Anlagen. Das hat nicht nur wirtschaftliche Konsequenzen für die Betreiber, sondern es stellt diese auch vor große Herausforderungen hinsichtlich eines umweltfreundlichen Rückbaus und der notwendigen Entsorgung der Bauteile. Hierfür gibt es im Prinzip keine Erfahrung, sagt das UBA In einer Pressemitteilung.

Aluminium wird beispielsweise in Generatoren, elektrischen Leitungen oder Rohren verbaut.

Das UBA hat deshalb in einem Forschungsprojekt den Stand der Technik untersucht, die Recyclingmengen berechnet und die Finanzierung betrachtet. Dabei zeigt sich: Es drohen Engpässe bei den Recyclingkapazitäten – insbesondere für die faserverstärkten Kunststoffe der Rotorblätter. Außerdem bestehen Risiken für Mensch und Umwelt beim unsachgemäßen Rückbau. Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamtes forderte deshalb schon im Herbst 2019: „Bund und Länder sollten zügig Leitlinien für den Rückbau von Windenergieanlagen erarbeiten. Wir brauchen klare Vorgaben für Rückbauumfang und Rückbaumethoden, um Mensch und Umwelt zu schützen und die Materialien wertvoll zu recyceln.“

Standard für den Rückbau

Einen Standard oder eine Norm für die Demontage und das Recycling von Windenergieanlagen gab es weder in Deutschland noch in Europa. Das änderte sich am 17. Juli 2020. Das Deutsche Institut für Normung (DIN) e. V. veröffentlichte die DIN SPEC 4866. „Nachhaltiger Rückbau, Demontage, Recycling und Verwertung von Windenergieanlagen“ lautet der Titel des 26-seitigen Dokuments.

Die bei einem Rückbau anfallenden Mengen an Beton und Stahl sind enorm. Das UBA rechnet mit bis zu 5,5 Millionen Tonnen Beton und einer Million Tonnen Stahl – jährlich.

Sie gibt Handlungsempfehlungen für den gesamten Rückbau-Prozess  – von der Planung über die Durchführung bis zur Dokumentation – und bietet unter anderem den Betreibern eine erste Hilfestellung an. So gibt die DIN SPEC 4866 beispielsweise Empfehlungen, wie die Baustelle gesichert werden muss und welche Qualifikationen die Arbeiter benötigen, die den Rückbau durchführen. Sie beschreibt, wie Rotorblätter, Turm und Gondel zerlegt werden sollten und welche Sicherheitsmaßnahmen notwendig sind, damit keine schädlichen Stoffe in die Umwelt gelangen. Sie erläutert, welche Bestandteile der Windenergieanlage sich auf welche Weise verwerten lassen, wie der Rückbau dokumentiert werden sollte und welche behördlichen Genehmigungen für den Rückbau in welchem Bundesland notwendig sind.

Nd – Das Element aus der Gruppe der seltenen Erden findet sich hauptsächlich in Permanentmagneten und kann vollständig zurückgewonnen werden.

Cu – Kupfer ist in Kabeln und Leitungen, Aggregaten und sogar in den Rotorblättern verbaut und kann nahezu vollständig in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt werden.

Die Empfehlungen helfen künftig Betreibern und spezialisierten Unternehmen, Rückbauprojekte zu planen und durchzuführen. Sowohl die Betreiber von Windparks als auch Abriss- und Recycling-Unternehmen können sich damit in Zukunft auf ein standardisiertes Vorgehen einigen. Darüber hinaus hilft die DIN SPEC 4866 auch Kommunen und Behörden, den Rückbau zu überwachen und zu beurteilen. Erarbeitet wurde das Dokument von einem Konsortium aus 25 Expertinnen und Experten aus der Windenergie- und Recycling-Branche, Wissenschaftlern sowie Mitarbeitern von Behörden wie beispielsweise dem Umweltbundesamt. Die DIN SPEC 4866 entstand auf Initiative der RDRWind e. V.. Diese wurde Ende 2018 in Hannover gegründet, unter anderem mit dem Ziel, erstmalig Branchenstandards als „best practice“ für den Rückbau zu etablieren.

Eine Herausforderung ist die Entsorgung der Rotorblätter. Diese bestehen aus faserverstärkten Kunststoffen. Hier fallen ab 2024 bis zu 70.000 Tonnen pro Jahr an. In Deutschland besteht bislang nur eine einzige Recyclinganlage für solche Abfälle.

Hohe Recyclingquote

„Uns geht es vor allem um den nachhaltigen Rückbau. Windenergieanlagen sind umweltfreundlich und sollen es auch bleiben, wenn sie das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben“, sagt Martin Westbomke. „Die Recyclingquote von Windenergieanlagen ist bereits jetzt sehr hoch und liegt bei mehr als 90 Prozent.“ Der 1. Vorsitzende und Gründungsmitglied der RDRWind e. V. hat sich als Wissenschaftler am Institut für Integrierte Produktion Hannover (IPH) GmbH intensiv mit dem Rückbau von Windenergieanlagen beschäftigt. Westbomke geht es nicht um einen reinen Abriss, sondern um einen nachhaltigen Rückbau, bei dem möglichst viele Bestandteile recycelt und verwertet werden. Sein Plazet: „Wenn man bereit ist, den einen Euro mehr auszugeben, lässt sich im Prinzip alles recyclen. Auch Rotorblätter und wertvolle Seltene Erden.“

RDRWind e.V.

Die RDRWind e.V. hat sich als Industrievereinigung Repowering, Demontage und Recycling von Windenergieanlagen am 6.12.2018 in Hannover mit zehn Unternehmen gegründet. Der Verein verfolgt das Ziel, erstmals Standards für die Demontage von Windkraftanlagen zu entwickeln sowie die Verbreitung neuer professioneller Anwendungen und nachhaltiger Prozesse, Standards und Normen zu fördern. Aktuell hat die Industrievereinigung 44 Mitgliedsunternehmen – aus den Bereichen Projektentwicklung und Repowering, Energiewirtschaft, Rückbau und Demontage, Recycling, Logistik, Unternehmensberatung, Rechtsberatung, Forschung und Entwicklung, Composites sowie Dienstleistungen. Der neue Branchenstandard ist in deutscher und englischer Sprache kostenfrei über den Beuth Verlag verfügbar (www.beuth.de/go/dinspec4866) und steht damit auch der europäischen Windindustrie sowie den Behörden als eine Vorlage für eigene Aktivitäten zur Verfügung.

So sieht das auch Andrea Aschemeyer von der VSB Neue Energien Deutschland GmbH, die das Konsortium zur Erarbeitung der DIN SPEC 4866 geleitet hat. „Bislang gab es kein einheitliches Vorgehen für den Rückbau von Windenergieanlagen“, erläutert Aschemeyer. „Aber bisher gab es auch nur eine überschaubare Zahl von Rückbau-Projekten, weil die meisten Windenergieanlagen in Deutschland noch nicht so alt sind. In den nächsten Jahren kommt allerdings eine Rückbau-Welle auf uns zu – und wir wollen Unternehmen, Behörden und Betreibern helfen, darauf gut vorbereitet zu sein, um den Rückbau und das Recycling von Windenergieanlagen sicher und professionell zu gestalten.“

Webtipp:

Der neue Branchenstandard ist in deutscher und englischer Sprache kostenfrei über den Beuth Verlag verfügbar:
www.beuth.de

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