Souverän ist nur der, der auch handelt. Das hat auch die deutsche Politik verstanden. Die Bundesregierung ist dabei, ihre Digitalkompetenzen zu bündeln und neue Strukturen zu schaffen – unter anderem mit dem im Mai 2025 gegründeten Ministerium für Digitales und Staatsmodernisierung. Es koordiniert die digitale Transformation über Ressortgrenzen hinweg. Ein weiteres Beispiel ist die Hightech-Strategie 2025. Mit ihr möchte die Bundesregierung gezielt Schlüsseltechnologien wie Künstliche Intelligenz, Quantencomputing und Digitale Souveränität fördern. Die Zielvorgabe: Ab 2025 sollen jährlich 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung fließen. Gleichzeitig treibt das Ende 2022 gegründete Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung (ZenDiS) den Einsatz von Open-Source-Software in der Bundesverwaltung voran.
Eigene Infrastruktur
Diese nationalen Ansätze benötigen einen europäischen Rahmen: Mit ihrer Digitalstrategie verfolgt die Europäische Union das Ziel, durch einheitliche Regeln die Digitale Souveränität des Kontinents zu stärken. Eine Säule des Fundaments: Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) schützt personenbezogene Daten. So müssen Onlineshops beispielsweise Datenpannen innerhalb von 72 Stunden melden.
Die NIS2-Richtlinie, die Deutschland im Dezember 2025 umgesetzt hat, sichert zweitens kritische Infrastrukturen gegen Cyberangriffe ab. Seitdem müssen nicht nur kritische Infrastrukturen wie Krankenhäuser, Energieversorger und Wasserwerke ihre IT-Systeme regelmäßig auf Schwachstellen überprüfen und Sicherheitsvorfälle melden. Die Richtlinie hat den Registrierungs- und Nachweis- und Meldepflichten auf rund 30.000 Unternehmen in Deutschland ausgeweitet.
Gegenwärtig erarbeiten CEN und CENELEC harmonisierte Normen, die die Vorgaben des Cyber Resilience Act in konkrete, europaweit gültige Standards übersetzen und Herstellern den Nachweis der Gesetzeskonformität erleichtern. Außerdem müssen Hersteller ab September 2026 Sicherheitsvorfälle innerhalb von 24 Stunden melden.
Quallen treiben, wohin die Strömung sie trägt. Unternehmen und Gesellschaften ohne eigene digitale Infrastruktur geht es ähnlich. Digitale Souveränität bedeutet: selbst steuern statt sich treiben lassen.
EuroStack und europäische Infrastrukturen
Neben der Regulierung arbeitet Europa an einer eigenen digitalen Infrastruktur. Anfang 2025 schlossen sich rund 300 Unternehmen und Verbände – darunter Airbus, Schwarz Digits oder der Bundesverband IT-Mittelstand – zur EuroStack-Initiative zusammen und forderten die EU-Kommission auf, eine zuverlässige, offene IT-Infrastruktur zu schaffen. Der Grund: Europa importiert mehr als 80 Prozent der digitalen Technologien und droht, den Anschluss an die USA und China zu verlieren – so das Ergebnis des EuroStack-Reports von 2025. Eine Analyse der Bertelsmann Stiftung geht zudem davon aus, dass dafür Investitionen von 300 Milliarden Euro in den kommenden zehn Jahren notwendig sind.
Digitaler Produktpass: Transparenz ist Pflicht
Souveränität bedeutet allerdings nicht nur, eigene Rechenzentren aufzubauen, sondern auch Kontrolle über Produktdaten. Der Digitale Produktpass (DPP) – für den DIN 2025 die acht Normungsentwürfe DIN EN 18216, 18219, 18220, 18221, 18222, 18223, 18239, 18246 veröffentlicht hat – hilft dabei und soll Lieferketten transparenter machen. Die Europäische Union hat den DPP in ihrer seit Juli 2024 geltenden Ökodesign-Verordnung verankert. Ab Februar 2027 wird er für Batterien von leichten Verkehrsmitteln, Elektrofahrzeugen und Industriebatterien verpflichtend. Der Pass vereint alle relevanten Informationen zu einem Produkt – von Komponenten und Materialien über Inhaltsstoffe bis zur Reparierbarkeit – in einem maschinenlesbaren Format. Ein konkretes Beispiel: Wer ein E-Bike kauft, kann künftig per QR-Code den DPP aufrufen und Informationen über die voraussichtliche Lebensdauer der Batterie, die chemische Zusammensetzung und die fachgerechte Entsorgung abrufen. Das ist auch für den Wiederverkauf von E-Bikes wichtig.
Die Werkzeuge sind da – Regulierung, Infrastruktur, Standards. Was Europa daraus macht, ist die entscheidende Frage. Wir ziehen Bilanz im letzten Teil des Titelthemas.
