Deutschland zahlt jedes Jahr weit mehr als eine Milliarde Euro für Softwarelizenzen. Europäische Unternehmen speichern ihre Daten auf US-amerikanischen Servern. Viele kritische Infrastrukturen laufen mit Betriebssystemen, deren Quellcode die Betreiber nicht kennen. Dadurch sind Cyberangriffe schwer zu entdecken. Technologische Abhängigkeit wirkt sich auf vielen Ebenen aus und ist nicht erst im Krisenfall ein Problem: Sie kostet viel Geld, macht uns politisch beeinflussbar und für Kriminelle angreifbar. Vor allem aber verlieren wir ohne Digitale Souveränität unsere Handlungsfähigkeit.
Am 20. Oktober 2025 trat in dem Rechenzentrum von Amazon Web Services (AWS) in Virginia (USA) eine ernste Störung auf. Das Problem dabei: Das Rechenzentrum ist das größte des Konzerns und dient als Herzstück seiner Cloud-Infrastruktur. Entsprechend groß waren die Folgen. Binnen Minuten waren zahlreiche Dienste lahmgelegt. Millionen User*innen konnten stundenlang die Messenger-Apps Signal und Snapchat oder die Online-Spieleplattform Roblox nicht nutzen. Auch der KI-Dienst Perplexity lieferte keine Antworten mehr. Was nachhängt: die Erkenntnis, wie anfällig unser Leben für technische Störungen ist.
USA und China dominieren
Der Vorfall wirft außerdem ein Schlaglicht auf das grundsätzliche Problem von Abhängigkeiten: US-Konzerne und chinesische Anbieter dominieren die digitale Welt. Sie kontrollieren gewaltige Datenflüsse, Rechenkapazitäten und Plattformen. Europa ist in weiten Teilen abhängig von US-Technologie, von US-Konzernen und damit letztlich auch von politischen Entscheidungen jenseits des Atlantiks. Zu einem echten Problem wird das, wenn die USA weniger als Partner agieren, sondern zunehmend auf Dominanz setzen.
Dabei hat die Europäische Union die Macht der Digitalkonzerne im Blick und bemüht sich, die Gültigkeit von europäischen Gesetzen auch gegenüber diesen durchzusetzen. So verhängte die Europäische Kommission im März 2025 gewaltige Geldbußen gegen Apple (500 Millionen Euro) und Meta (200 Millionen Euro) wegen Verstößen gegen den Digital Markets Act. Allerdings ist dabei die richtige Balance notwendig. Denn Digitale Souveränität bedeutet nicht, jede Zusammenarbeit mit US-Techfirmen zu verweigern, und Sanktionen allein lösen das Problem auch nicht.
Was bedeutet digitale Souveränität?
Digitale Souveränität beschreibt die Fähigkeit von Individuen, Unternehmen und Staaten, digitale Technologien selbstbestimmt, sicher und unter Wahrung eigener Werte zu nutzen. Sie umfasst:
- Technologische Unabhängigkeit: die Kontrolle über Hard- und Software, Datenhoheit
- Rechtliche Gestaltungsfähigkeit: die Existenz eigener Regeln für Datenschutz, Sicherheit und Wettbewerb
- Kompetenz: die Fähigkeit, digitale Systeme zu verstehen, zu nutzen und weiterzuentwickeln
- Interoperabilität: offene Standards, die Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern vermeiden
96 %
… der deutschen Unternehmen schwimmen in fremden Gewässern: Sie importieren digitale Technologien oder Services aus dem Ausland, so eine Bitkom-Studie von 2025
Die Abhängigkeit ist groß
Besonders groß ist die Abhängigkeit von Microsoft. Laut Statista nutzten im Jahr 2022 rund 85 Prozent der deutschen Büros die Software des US-Konzerns. Damit hat das Unternehmen enorme technische und politische Einflussmöglichkeiten. Hinzu kommt, dass viele kleine und mittlere Unternehmen von US-Konzernen Rechenleistung für ihre KI-Anwendungen beziehen. Das steigert die Abhängigkeit weiter. In Deutschland nutzen beispielsweise 96 Prozent der Behörden MS Office – und das kostet zu aller Unselbstständigkeit auch noch viel Geld. Rund 205 Millionen Euro zahlte Deutschland 2024 allein für die Produkte und Dienste von Microsoft. Zum Vergleich: 2015 waren es lediglich 44 Millionen Euro. Insgesamt summierten sich die Softwarelizenzkosten des Bundes im Jahr 2024 auf 1,3 Milliarden Euro.
Es gibt Alternativen
Doch es geht nicht nur ums Geld, sondern auch um Selbstbestimmung. Selbst international agierende Institutionen sind davon betroffen. Ein Beispiel: Nach US-Sanktionen gegen seinen Chefankläger Karim Khan im Oktober 2025 ersetzte der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag seine gesamte Microsoft-Software durch die deutsche Open-Source-Lösung openDesk. Ein Statement mit Symbolkraft.
Schleswig-Holstein geht sogar noch weiter und will im Laufe des Jahres 2026 seine komplette Landesverwaltung – rund 61.000 Arbeitsplätze – auf Open-Source-Software umstellen. LibreOffice ersetzt Microsoft Office, Linux verdrängt Windows. Dirk Schrödter (CDU), Minister für Digitalisierung und Medienpolitik des Bundeslandes, betonte: „IT ist nicht nur ein Hilfsmittel für die Verwaltung, sie ist systemkritisch.“ Wie ernst es der Landesregierung damit ist, zeigt die Kündigung von fast 80 Prozent der Microsoft-Lizenzen bis Ende 2025.
Digitale Abhängigkeit ist Chefsache
Inzwischen reagiert die Politik in Europa konsequenter. Am 18. November 2025 luden Deutschland und Frankreich, die beiden größten Volkswirtschaften der EU, gemeinsam zum „Gipfel für Europäische Digitale Souveränität“ nach Berlin. Emmanuel Macron und Friedrich Merz empfingen Delegationen aus 23 EU-Mitgliedsstaaten. Bundeskanzler Merz (CDU) machte in der gemeinsamen Pressekonferenz mit dem französischen Staatspräsidenten die Frage der Digitalen Souveränität zur Chefsache:
Wir sind abhängig von digitalen Technologien, sowohl aus China als auch aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Diese Abhängigkeit gilt es zu reduzieren.
Friedrich Merz, Bundeskanzler
Zwar habe die Digitale Souveränität Kosten. „Aber die digitale Abhängigkeit hat noch höhere Kosten.“
Die Aussage macht die strategische Bedeutung deutlich: Ohne Digitale Souveränität ist die gesamte digitale Transformation nicht machbar. Unternehmen, die moderne Technologien nicht sicher und selbstbestimmt nutzen können, werden durch ihre Abhängigkeit an Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit einbüßen. Denn sie können Technologien nur in den Grenzen nutzen, wie sie die Techanbieter vorgeben. Außerdem müssen sie immer darauf achten, welche Informationen sie in die digitalen Tools eingeben. Schließlich sind Betriebsgeheimnisse wertvoll. Ohne exakte Daten lassen sich aber KI-Modelle oder Analysemethoden nicht passgenau nutzen. Ein dritter Grund sind auch hier die hohen Lizenzkosten. Das Geld fehlt den Unternehmen an anderer Stelle – beispielsweise in der Forschung und Entwicklung. Das alles hemmt Innovationen.
Allerdings fehlt es global noch an einem einheitlichen Verständnis, was digitale Souveränität genau bezeichnet. „In Europa steht meist der Schutz von Grundrechten im Vordergrund, zunehmend aber auch geoökonomische und geopolitische Fragen. In China oder Russland geht es vor allem um staatliche Kontrolle. In Indien oder im Iran wiederum ist digitale Souveränität eng mit dem Streben nach nationaler Unabhängigkeit verbunden“, erklärt Professor Dr. Georg Glasze, Lehrstuhlinhaber für Geografie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Standards als Fundament
DIN steht hier an einer entscheidenden Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Wettbewerbsfähigkeit, Sicherheit, Regulierung, europäischer Wirtschaftspolitik und der Akzeptanz der Bevölkerung. Teil der Lösung sind klare Standards und Normen. Dabei sind die Zielvorgaben anspruchsvoll: Einerseits brauchen wir verlässliche, EU-weit akzeptierte Standards für ein digital souveränes Europa. Andererseits müssen die europäischen Normen und Digital-Lösungen international anschlussfähig sein. Interoperabilität ist dafür der Schlüssel – sie ermöglicht es unterschiedlichen Systemen, reibungslos zusammenzuarbeiten, ohne in Abhängigkeiten zu geraten.
Doch was bedeutet diese Interoperabilität konkret für Europas Wirtschaft? Standards sind mehr als technische Spielregeln – sie entscheiden über Marktchancen, Innovationskraft und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Mehr dazu lesen Sie im zweiten Teil unseres Titelthemas.
